NOSFERATU – DER FILM – Friedrich Murnaus Stummfilmklassiker in neuem
Klanggewand

Genau 100 Jahre ist sie alt, Murnaus „Symphonie des Grauens, gefilmt nach der
berühmten Romanvorlage Dracula des irischen Autors Bram Stoker. Zum
Jubiläumsjahr hatte Composer-Performer Walter Windisch-Laube, der „Mann am
Klavier+Keyboard” seine Alsfelder Musikalisierung überarbeitet und zusammen mit der
Saxophonistin und Klarinettistin Ulrike Schimpf, neu instrumentiert.

Stärker als der Film konnte die Musik gruseln

In Konstanz war nun, auf Initiative der Theaterfreunde, die süddeutsche
Erstaufführung des filmisch-musikalischen Gesamtkunstwerkes im Wolkenstein-Saal
des Kulturzentrums zu sehen und zu hören. Gedacht war an eine künstlerische
Spiegelung der fulminanten NOSFERATU-Inszenierung auf dem Konstanzer
Münsterplatz.

Entsprechend Murnaus filmischem Prinzip werden in der Alsfelder Nosferatu-Musik,
laut Walter Windisch-Laube, unterschiedliche Komponenten ineinander bzw. gegen und
teils sogar übereinander montiert: Er nutzte als “Zeitkolorit-Komponente”
atmosphärische Musik aus der Entstehungszeit des Films. Die “Ohrwurm-
Komponente” machte sich Filmmusik-Hits aus der frühen Tonfilmzeit zunutze, griff
aber auch auf Ragtime und Gesellschaftstänze der Golden Twenties zurück. Leid/t-
Motiv-Komponenten wurden in überleitender Funktion im Hinblick auf das sich
anbahnende Leid, z.B. Ausbruch der Pest, einbezogen. Mit klangbetonten
improvisatorischen Passagen wurde der laufenden Handlung eine packende
Klangkolorierung des Handlungsgeschehens beigemischt.

Wir wurden als Zuschauer von Murnau/Windisch-Laube in das Jahr 1838 in die alte
Hafenstadt “Wisborg” zurückversetzt, in die gleichsam historische Zeit des
Filmgeschehens, als gerade die ersten Eisenbahnen fuhren und die Musik der
Hochromantik begann. Somnambulismus, wie jene Phasen der traumwandlerischen
Protagonistin Ellen, war ein vielbeachtetes Phänomen, mancher Aberglaube weit
verbreitet. Somit durften wir diesen Abend durch die musikalische Steigerung der
gezeigten filmischen Schauer-Szenen genussvoll genießen und mancher Aberglaube weit verbreitet. Somit durften wir diesen Abend durch die musikalische Steigerung der
gezeigten filmischen Schauer-Szenen genussvoll genießen und die Musik getrost als
gespenstisch oder Gänsehaut-tröstlich auf uns wirken lassen.

Es gab großen Applaus für die beiden Künstler und der Abend, ein eintrittsfreies
Danke-Schön-Geschenk des Vereins an alle, die dem Stadttheater die Treue über die
entbehrungsreichen und kulturarmen Monate gehalten hatten, brachte noch dazu
einen schönen Spendenbetrag ein.

Ins TriebWerk geschaut

Einen Blick hinter die Kulissen der aktuellen Produktion „Nosferatu“ auf dem Münsterplatz konnten die Theaterfreunde und -freundinnen im Rahmen zweier speziell entwickelter Führungen werfen.

Bernd Oßwald, Andreas Mayer und Mela Breucker zeigten dabei sehr informativ ganz unterschiedliche Aspekte rund um die Entwicklung und Durchführung einer Produktion im Zusammenspiel von künstlerischer Umsetzung, Technik und vorhandenen Ressourcen auf.

Es war sehr spannend für uns zu erfahren, welche Herausforderungen im Rahmen von Open-Air-Aufführungen Inspizienz und Technik an dieser Spielstätte zu bewältigten haben. Unsere Eindrücke wie auch ganz andere Themen konnten wir anschliessend im Garten der Blende 8 (Leica Galerie) vertiefen und so den Nachmittag entspannt ausklingen lassen.

Die Freunde und Freundinnen, die bei den beiden TriebWerken dabei waren, hatten viel Spass und freuen sich auf weitere Events.

Bernd Oßwald erläutert, wo die roten Lampen angebracht sind, …
… die er von hoch oben gemäß seinem Regiebuch anschaltet, um den Schauspielern ihre Einsatzsignale zu geben.
Andreas Maier zeigt und erläutert die Entwurfspläne für die Kulissen.
Angeregte Gespräche beim anschließenden Apéro.

Nosferatu: Alter Film mit neuer Musik

Am 15. Juli um 20 Uhr zeigen die Theaterfreunde die Murnau-Verfilmung mit neuer Vertonung. Sehen den historischen Film mit moderner Livemusik!

Der Eintritt ist frei, eine Spende aber willkommen. Es empfiehlt sich eine frühe Anmeldung unter info@theaterfreunde-konstanz.de. Hier weitere Details:

Ort: KULTURZENTRUM am Münster, Konstanz, Wolkensteinsaal
Datum: Freitag, den 15. Juli 2022
Uhrzeit: 20 Uhr – Einlass ab 19 Uhr; begrenzte Platzzahl
Eintrittspreis: Eintritt frei – Spenden sind jedoch willkommen und kommen dem Stadttheater Konstanz zugute.

INFORMATIONEN zum Komponisten Walter Windisch-Laube
Der promovierte Musik- und Literaturwissenschaftler Walter Windisch-Laube arbeitet hauptberuflich als Leiter der Alsfelder Musikschule. In seiner Nosferatu-Partitur vereint er Anleihen aus der Filmmusikgeschichte, zitiert und verfremdet Passagen aus Broadway-Klassikern, Ragtime und Jazz, nutzt Musik der 20er Jahre, wie Kompositionen von Strawinsky, Hindemith oder auch Schönberg. Opernfragmente mit musikalischer Leitmotivik werden in Verbindung mit selbstkomponierten oder improvisierten Passagen dem Film beim Live-Konzert unterlegt.

Ulrike Schimpf, Saxophone und Klarinette
Die Mitstreiterin im musikalischen Dialog, in Improvisation und koloristischer Grundintonierung, Ulrike Schimpf, absolvierte in den 80er Jahren ihr Saxophonstudium an der Joe-Haider-Jazz School, München und ist zudem ausgebildete Klarinettistin. Sie arbeitet als Jazz-, Rock- und Weltmusikerin in verschiedenen Formationen. Seit 1990 unterrichtet sie mit Schwerpunkt auf Saxophone-Ensemblespiel und widmet sich zudem der Rhythmik-Schulung, Bodypercussion und Pattern-Improvisation, auch als Autorin und Workshop-Leiterin. Ulrike Schimpf komponiert eigene Titel, arrangiert Altes zu Neuem und liebt die Improvisation.

Nosferatu: pro.log mit Glocken

Man hätte es wissen können, dass der pro.log auf dem Münsterplatz nicht um 11:00 beginnen würde. Das Glockengeläut des Münster ist heilig, es ist laut und es geht länger als 10 Minuten.

Dr. Martin Windisch führe anschließend durch die Veranstaltung, in deren Mittelpunkt Prof. Dr. Bernd Stieglers Vortrag über den Nosferatustoff stand.

Bernd Stiegler ordnete die Erzählung ein in die Auseinandersetzung zwischen Moderne und Aufklärung auf der einen Seite und der Vormoderne auf der anderen Seite. An dieser Grenzlinie, die seinerzeit durch die Donau bei Budapest markiert wurde, nämlich zwischen Buda und Pest, trennen sich Okzident und Orient, Fortschritt und Rückschritt, Demokratie und Blutsherrschaft. Diese Perspektive erklärt auch die vielen Verweise auf moderne Kommunikationsmittel in Stokers Roman. Es war eine überraschende Sicht auf den Stoff.

v.l.n.r. Dr. Martin Windisch, Julian Mantaj, Prof. Dr. Bernd Stiegler, Patrick O. Beck

Martin Windisch eröffnete die Diskussion mit Fragen zur Aufführung. Bei der Frage nach der Tötungsszene, die unerwartet wenig blutrünstig inszeniert wurde, wurden die Unterschiede zwischen Film und Theater deutlich. Das beste Licht für einen Schauspieler ist immer ein anderer Schauspieler, erläuterte Patrick O. Beck.

v.l.n.r: Luise Harder, Sarah Siri Lee König, Meike Sasse

Auf die Frage, ob denn der gesellschaftspolitische Hintergrund, den Stiegler ausgebreitet hatte, bei den Proben eine Rolle gespielt habe, sagten die anwesenden Ensemblemitglieder zunächst „eher nein“. Doch Sarah Siri Lee König wies dann darauf hin, dass ihr doch immer die Frage nachgegangen war, wofür genau Mathilde in dem Stück ihr Leben hingegen habe. Letztlich war es wohl zur Rettung des Abendlandes.

Die Zuschauer versuchten die Sonne zu meiden. Nicht vor Angst zu Staub zu zerfallen, wie der Graf Orlok, sondern um der Hitze zu entkommen. Die Denkköder, die Stiegler auswarf, mit seinen Verweisen auf Putin und Ungarn und Afd und so weiter schienen das Publikum nicht zu überraschen.