
Die hundertvierzig Besucher und Besucherinnen konnten den Bodenseetheatertag auch in diesem Jahr bei bestem Sommerwetter erleben. In der Pause wurden die schwungvollen Vorträge von Bernhard Stengele und Insa Pijanka gelobt und das Publikum war gespannt auf den Fortgang der Veranstaltung. Simon Strauß griff das hohe Niveau und das Tempo seiner Vorredner auf und setzte inhaltlich Kontrapunkte. Karin Becker hob in ihrem Vortrag die vielfältigen gesellschaftlichen Verflechtungen des Theaters, das sie als Ort des offenen Diskurses sieht, hervor. Allerdings wurde die Geduld des Publikums durch Überlänge strapaziert
Der Landrat des Kreis Konstanz, Zeno Danner, eröffnet die Veranstaltung mit der augenzwinkernden Bemerkung, dass, auch wenn das Thema Theater und Politik laute, man sich nicht einbilden solle, die Politik lasse sich vom Theater sagen, was sie zu tun und zu lassen habe. Er hob die Funktion des Theaters für den gesellschaftlichen Zusammenhalt hervor und sprach über die „Würze“, die das Theater in die „gesellschaftliche Suppe“ hineingebe. Und daraus entstünden dann Impulse, die von der Politik aufgegriffen würden. Und zwar, indem einzelne Menschenschicksale auf die Bühne gebracht würden. Damit zeichnete Danner einen Pfad vor, den die anderen Redner weiter entlangschritten.

Bernhard Stengele hielt ein flammendes Plädoyer für das Theater als Bollwerk gegen eine nach Rechts rückende Gesellschaft. Er berichtet von seiner ersten Inszenierung 2012 am Theater Thüringen. Das dort entwickelte Stück „Die im Dunkeln“ behandelt das Schicksal einer Schülergruppe in der DDR, die Flugblätter druckten und eine Rede von Wilhelm Pieck zum siebzigsten Geburtstag Stalins störten. Sie wurden später verhaftet, nach Moskau gebracht, einige wurden hingerichtet, andere wanderten in die Arbeitslager. Die Inszenierung rüttelte die Menschen auf, weil persönliche Schicksale und Weltgeschehen sich verschränken. Stengele brachte ihnen das Leben und Denken der Menschen im Osten nahe und machte deutlich, dass es keinen Grund gibt, sich im Westen überlegen zu fühlen.

Stengele berichtete aus seiner Zeit als Politiker und davon, wie ihm als Grüner, heute eher eine Splitterpartei in Thüringen, die Diskurshoheit entgleitet. Ganze Gegenden würde nur noch von einer Lokalzeitung beliefert, die sich in der Hand von Rechten befindet. Wilde Gerüchte formen sich zu einem Chaos, in das die Stimme der Vernunft nicht mehr eindringt. Politik kann diese Probleme nur formal lösen, so Stengele.
Auch Religion habe die Kraft verloren, Menschen zu binden, betonte Stengele. Es seien die erzählten Geschichten, die dies heute noch könnten. Und er endete mit einer sehr schönen, die er in einem Hof in Afrika gehört hatte. Darin geht es um einen Esel, der loszog und einem anderen Tier begegnete, und Stengele erzählte, wie er im Verlauf der Geschichte merkte, dass es sich um die Bremer Stadtmusikanten handelte. Da konnte Stengele den Zauber einer Geschichte auch in die Spiegelhalle bringen.
Wer Insa Pijanka kennt, weiß, mit welchem Tempo und welche Emphase sie vorträgt. Musik sei nicht das nette Unterhaltungsgedudel, das sich viele vorstellen. Musik habe eine große Kraft, mit der sie auf Menschen einwirke und deshalb würde sie auch genutzt, um Menschen zu beeinflussen.

Musik wurde häufig für eine politische Botschaft erschaffen. Im fünfzehnten, sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert war Musik meist Auftragskomposition und Werke anlässlich einer gewonnenen Schlacht nicht selten. Pijanka erinnerte auch an Beethoven, einen glühenden Anhänger Napoleons als “Inbegriff des republikanischen Gedankens“, der wütend und enttäuscht war, als sich dieser zum Kaiser krönen ließ. Ob er tatsächlich das Widmungsblatt seiner dritten Sinfonie zerriss, ist wohl umstritten, aber der Kern der Geschichte ist davon unberührt. Pijanka erinnerte auch an Mozart, dessen „Hochzeit des Figaro“ eine hochpolitische Oper sei, die nur knapp an einem Aufführungsverbot vorbeischrammte.
Über Liszt, Schostakowitsch und Wagner kam Pijanka auf die wichtige Frage, ob die Komponisten etwas dafür können, wie ihre Werke verwendet werden. Heute stellt sich oft die Frage, ob man diese Werke noch aufführen könne. Pijanka machte deutlich, wie stark die Vereinnahmung geht, und zwar am Beispiel Putins. Der hat die berühmte siebte, die Leningrader Symphonie von Schostakowitsch, die als kritisches Werk zu totalitären Regimen gedacht war, instrumentalisiert als Botschaft des heroischen Kampfes des bedrohten russischen Volks.
Aber noch etwas mache die Musik für Propagandazwecke geeignet. Pijanka verwies darauf, dass seit der Romantik die Komponisten verstärkt auf Überwältigung setzten. Hier gelte es, kritische Distanz zu wahren.
Simon Strauß nahm das Publikum des Bodenseetheatertags selbst in den Blick. Er freue sich dabei sein zu dürfen, er spüre, dass die Anwesenden einander kennten, dass man eine Gemeinschaft sei und das, so Strauß, fände er außerordentlich gut und auch wichtig, in der heutigen Zeit.

Wenn sich jedoch alle einig sind, fangen wir an zu zweifeln. Diesen für guten Journalismus stehenden Satz nahm Strauß zum Ausgangspunkt für seine Überlegungen. Es sei schwer, über etwas zu diskutieren, wenn sich alle über die Wichtigkeit des Theaters für die Gesellschaft und für die Demokratie einig seien. Aber woher, so fragte Strauß, nehme denn das Theater die Berechtigung, über Fragen der Politik zu sprechen, wie könne Theater Besseres zu den Konflikten im Nahen Osten sagen als Politiker, Wissenschaftler oder NGOs? Vielleicht weil Theater eine eigene Stimme habe, mit der sie zu der Mitte der Gesellschaft, der Zivilgesellschaft, spricht.
Aber wer ist das Theaterpublikum eigentlich? Strauß verlas dann unter allgemeiner Erheiterung die Antworten, die er ChatGPT entlockt hat: Es ist eher älter, eher wohlhabend, eher links. Das Publikum sah in einen Spiegel. Damit kam Strauß auf die nächste Frage, für wen das Theater eigentlich spiele, ob beispielsweise auch für rechte bzw. rechtskonservative Zuschauer, wobei er es sich nicht verkniff, darauf hinzuweisen, dass das Theater nur zu einem geringen Anteil durch das Publikum finanziert würde, sondern ganz überwiegend von allen Steuerzahlern.
Theater solle nicht Demokratie verteidigen, sondern Demokratie zeigen. Mit dieser Überlegung schwenkte Strauß über zu der Frage, wie Theater zu sein habe, um nicht in Bedeutungslosigkeit zu verschwinden, sondern Politik im weiteren Sinne zu vermitteln. Er ging zurück auf die griechische Polis, bei der der Theaterbesuch für die Bürger Pflicht war, und die Stücke durch ihre Betonung der Gemeinschaft den Übergang von der Monarchie zur Demokratie unterstützten. Er ging auf ein Interview mit einem Theaterregisseur bei den Salzburger Festspielen ein, der sagte, er sei froh, dass keine FPÖ-Mitglieder in seinem Publikum seien. Strauß verurteilte das, denn Theater stehe für den Zusammenhalt der Menschen.
Strauß wusste sein Plädoyer reichhaltig auszuschmücken und warb dafür, dass Theater stärker auf die fundamentalen Aspekte menschlichen Zusammenlebens fokussieren solle, um so seinen eigentlichen Auftrag umzusetzen. Denn was bringe es, ein fünftes Mal ein Stück aufzuführen, das darlege, dass Donald Trump ein schlechter Mensch sei. Es gehe doch beim Zusammenleben um Anständigkeit, welche in der heutigen Zeit gefährdet sei. Die könne Theater mit seinen Dramen, in denen es um die uralten und immer gültigen menschlichen Gefühle und Konflikte geht, stärken.
Karin Becker verband etliche Inszenierungen ihres Hauses und andere Stoffe ihrer politischen Überzeugungen. Wir machen keine Politik, aber Kunst sei immer politisch, lautete einer ihrer Leitsprüche. Theater stehe in der Lebenswelt, beispielsweise als Arbeitgeber. Sie betonte, dass Dialog, im Dialog bleiben, wichtig sei. Es sei aber auch wichtig, Grenzen des Dialogs aufzuzeigen, z.B. wenn Menschen ihre Identität abgesprochen würde. Keine Toleranz der Intoleranz.

Am Beispiel der Dreigroschenoper und der Bezahlung der Mitautorin Elisabeth Hauptmann kam Becker auf das Thema der immer noch schlechteren Bezahlung von Frauen gegenüber Männern. Die geringe Beachtung der Care-Arbeit in unserer Gesellschaft, die auch heute noch überwiegend von Frauen geleistet wird, führte Becker zu der Inszenierung „Und alles ist still“ von Mareike Fallwickel in der nächsten Spielzeit. Es breite sich eine Sehnsucht nach Machern, nach einfachen Antworten auf komplizierte Fragen aus. Es seien, so Becker, noch vier Jahre Zeit, das Schlimmste zu verhindern.
Mit Let’s Ally kam Becker auf das direkte Engagement des Theaters in der Gesellschaft. Die Beschreibung, wie eine behinderte Schauspielerin durch das Theatergebäude bewegt werden würde, war eindrücklich. Von dort kam sie zu der Benachteiligung queerer Menschen, wie sie sich jetzt durch das Verbot, die Queerflagge auf dem Bundestag zu hissen, manifestiere. Da helfe nur Haltung zu wahren, sagte Becker und forderte in dem Zusammenhang vom Vorstand der Theaterfreunde ein, konsequent zu gendern.
Becker knüpfte ihre anschließende Einordnung des Theaters an eine längere Ausführung des Projekts „Theater hinter Gittern“: Theater als verbindender Ort, Teil der kulturellen Daseinsvorsorge. Sie forderte Kunst als Staatsziel im Grundgesetz und Zahlung der Kunst als Pflichtaufgabe. Denn Kunst sei fragil. Linke Streitkultur sei Zuhören und Teilhabe, Rechte sei Ausgrenzung und Überwachung. Dem setzte Becker Vielfalt und Haltung entgegen und empfahl sich zum Abschluss scherzhaft als zukünftige Bundespräsidentin.

Für die Diskussion blieb wegen der Überlänge des vorhergehenden Vortrags nicht viel Zeit, was dem durch die viele Impulse und zunehmender Hitze erschöpften Publikum wohl entgegenkam. Man wollte gerne im Freien bei einem kühlen Getränk sich weiter austauschen. Am Ende der kurzen Diskussion stand die Überzeugung von Karin Becker und Insa Pijanka, mit ihrem Publikum könne nichts falsch ein, die Häuser seien gut besucht.
Souverän geleitet wurde die Veranstaltung von Heike Brandstädter vom Vorstand der Theaterfreunde. Für Begrüßung, Verabschiedung und Organisatorisches stand der Vereinsvorsitzende Johannes Schacht auf der Bühne.


Hier noch der Link zur Besprechung im Südkurier.
